Jahresrückblick 2020

Liebe Freunde, Unterstützer und Interessierte der Flüchtlingsinitiative,

wie war für uns in der Flüchtlingsinitiative Coesfeld das Jahr 2020?

Das meiste wird in der Begleitung und Unterstützung von Familien, Kindern und einzelnen Flüchtlingen durch einzelne Mitglieder geleistet. Und das ist das Wichtigste. Dazu könnten weitere Interessierte gerne einsteigen.

Was hat uns in der Leitungsgruppe und bei den monatlichen Treffen beschäftigt und was konnten wir in Bewegung setzen? Dazu einige Schlaglichter.

Den Auftakt im Jahr haben wir bei einem gemütlichen Treffen im Gemeindezentrum von Anna Katharina erlebt. Über 50 Menschen, die in unterschiedlicher Form in der Flüchtlingsinitiative (FI) engagiert sind, waren zusammengekommen zu Gesprächen, einem leckeren Imbiss und Getränken. Es tat gut, sich miteinander in einer großen Gruppe wahrzunehmen. Bei sich bietender Gelegenheit werden wir das in 2021 wiederholen.

Mit den Bürgermeister-Kandidaten haben wir bei FI-Treffen ausführliche Gespräche geführt und unsere Anliegen deutlich machen können: mit Eliza Diekmann am 22.1 und mit Gerrit Tranel 24.6. Wir sind auf offene Ohren gestoßen. Die bleiben auch offen in der neuen Ratsperiode.

Mit Vertretern der Letteraner Flüchtlingshelfer-Gruppe haben wir uns beim FI-Treffen am 26.2. über unsere Erfahrungen in der Flüchtlingsbegleitung ausgetauscht: wie werden Angebote  angenommen, wie ist die Mitarbeit der Flüchtlinge und was sind die künftigen Aufgaben? Die Bereitschaft zur Mitarbeit lässt nach, in Lette wie in Coesfeld.

Dass Frauen sich ausreichend gut in Deutsch verständigen können, im Kindergarten, in der Schule, bei den Ämtern  ist uns schon länger wichtig. Viele Frauen können oder wollen aber bisher keinen Sprachkurs machen, vor allem wegen der nicht gesicherten Kinderbetreuung. Ein passendes Angebot kann sein, einen Sprachkurs zu machen, wenn die Kinder am Vormittag in den Kitas betreut sind. Die Leitungen der Kitas Haus Hall und DRK Akazienweg und Kleine Heide haben mitgezogen. Anne Eismann-Lichte hat schon einige Zeit mit zwei kleinen Gruppen arbeiten können. Corona hat die Treffen vorläufig unterbrochen.

An verschiedenen Schulen haben wir das Angebot „Schüler helfen Schülern“ gemacht: Tandems zu bilden zur Nachhilfe von Flüchtlingskindern und Jugendlichen. Als Anreiz bieten wir einen kleinen finanziellen Bonus.

Eine bezahlbare Wohnung zu finden, für Familien, für Frauen mit Kindern, für allein Lebende ist nach wie vor einer der größten und schwer erfüllbaren Wünsche für viele Flüchtlinge, die noch in städtischen Unterkünften leben müssen. Zur Zeit leben ca. 220 Flüchtlinge in den städtischen Unterkünften. Einige Neuzuweisungen sind über das Jahr hinzugekommen. Die Einzelpersonen, meist junge Männer, haben mittlerweile fast alle ein eigenes Zimmer, auch weil sie zu unterschiedlichen Schichtzeiten arbeiten. Die Familien mit Kindern wohnen aber alle noch sehr beengt in 1 oder 2 Zimmern. Etliche in den Unterkünften haben Anerkennung und müssten dort nicht mehr wohnen. Es gibt aber keine Wohnungen. 3 Wohnungen haben wir mittlerweile für Wohngemeinschaften bei einer Wohnungsbaugesellschaft (nicht die städtische WSG) vermitteln können.

Die Bereitstellung von Unterkünften der Stadt kommt in Bewegung. Das ehemalige Caritas Haus in der Wiesenstraße ist von der Stadt gekauft worden. Wir haben seitens der FI bezahlbare Umbaupläne für hauptsächlich kleine Wohneinheiten zum Dauer-Wohnen vorgelegt. Die Holzhäuser in Lette und das Haus Raiffeisenstraße sollen Ende 2022 aufgegeben werden, ebenso die zwei Wohnungen im Haus der evangelischen Gemeinde an der Rosenstraße. Darüber ist sicher noch zu diskutieren. Hinzu kommt der Renovierungsbedarf in verschiedenen Unterkünften und die Frage der Weiternutzung von Harle 64, wo mittlerweile auch Wohnungslose untergebracht sind.

Zusammen mit der Gemeinde-Caritas , dem IBP, dem Paritätischen und der evangelischen Gemeinde haben wir 2018 ein „Aktionsbündnis Wohnen“ geschmiedet. 2019 haben fünf Gespräch-Runden mit den Rats-Fraktionen und auch den Kirchengemeinden stattgefunden, gedacht als Anstoß zu einem Ideen- und Lösungswettbewerb. Keine Idee hat die Zielgerade erreicht. Mit der Bürgermeisterin haben im Mai und nach der Wahl im Oktober Gespräche stattgefunden zu Ansatzpunkten für bessere Nutzung vorhandenen Wohnraums und für die Schaffung von neuen Wohnungen. In 2021 wird es dazu hoffentlich eine größere Fachkonferenz geben. Anregungen zu Lösungen haben wir uns von der Bürgerstiftung,  zwei Wohnungsgenossenschaften, von der Immo-Abteilung der Sparkasse und von einer Immo-Agentur geholt.

Arbeit zu finden und zu behalten und vielleicht auch eine Ausbildung zu wagen und durchzuhalten, trotz Risiko, im Berufskolleg zu scheitern: das ist die zweite große Aufgabe für  Flüchtlinge, um hier Fuß zu fassen. Die Beratung und Vermittlung der einzelnen ist meist aufwändig, und wenn es glückt und dauerhaft ist, ist das eine gute Erfahrung. Für die vielen in einfachen Beschäftigungen mit Mindestlohn werden auf Dauer Qualifizierungen und Ausbildung  wichtig. Da gibt es viele Hürden. Mit den Kammern und den Berufskollegs sind noch einige Bretter zu bohren. Viele Gesprächsrunden auf unterschiedlichen Ebenen haben schon stattgefunden.

Auf kommunaler Ebene hat im letzten Jahr die Steuerungsgruppe der Stadt das Thema Arbeit angegangen. Monatliche Treffen waren geplant. Als FI sind wir mit einer Stimme dabei. Aber seit der ersten Corona-Welle sind seitens der Verwaltung persönliche Beratungen nicht mehr möglich gewesen.

Auf Kreisebene bemüht sich das Kommunale Integrationszentrum / KI intensiv um Vernetzung von Akteuren. Das Netzwerk Chancengerechtigkeit sollte Fahrt aufnehmen. Für die 18-27-jährigen in Duldung und Gestattung, die bislang bei Spracherwerb und sonstiger Unterstützung hinten rüber gefallen sind,  gibt es ein neues Landesprogramm: „Durchstarten in Arbeit und Ausbildung“. 450 junge Menschen im Kreis gehören dazu, die in qualifizierte Arbeit und Ausbildung vermittelt werden sollen.

Für diejenigen Flüchtlinge, die nach Gerichtsentscheid keinen anerkannten Flüchtlingsstatus haben, eigentlich ausreisepflichtig sind und ihre Duldung vierteljährlich erneuern müssen, hat sich mit der Beschäftigungsduldung ab 1.1. 2020 eine Tür aufgetan. Die Bedingungen zu erfüllen ist nicht einfach. Kopfzerbrechen hat uns die Auflage gemacht, dass bis 30.6. die Identität bei der Ausländerbehörde  nachgewiesen werden muss. Wie diese gesetzlichen Erfordernisse unter Schwierigkeiten zu erbringen sind, war Thema eines engagierten Gespräches mit dem Landrat, Vertretern der Ausländerbehörde und des KI.  Auch Vertreter anderer Initiativen im Kreis waren beteiligt.

Über die neue Chance der Beschäftigungs-Duldung waren vor allem betroffene Flüchtlinge in Duldung zu informieren:  mit Info-Blättern und einem Info-Gespräche mit einer Fachjuristin. Die amtlichen Stellen haben sich dazu ausgeschwiegen. Mit der Ausländerbehörde konnte vereinbart werden, dass es ausreichend ist, wenn bis 30.6.20 und dann fortlaufend nachgewiesen wird, dass Bemühungen um Identitätsklärung stattgefunden haben, auch wenn das Ergebnis noch aussteht.

Die Fragen der Identitätsklärung zur Beschäftigungsduldung waren Anlass für einen Zusammenschluss der Flüchtlingsinitiativen und Helfergruppen in den Kommunen des Kreises. Es geht um die Zusammenarbeit auf Kreisebene, auch als politische und bürgerschaftliche Vertretung gegenüber Landrat und Ausländerbehörde, gegenüber dem Kreistag und in Kooperation mit dem KI. Eine Sprechergruppe hat die Arbeit aufgenommen. Ein  langes, informatives und verständnisvolles Gespräch hat mit der Leitung der Ausländerbehörde am 21.9. stattgefunden. Ein Ergebnis war die Zusicherung der Ausländerbehörde, alle gesetzlichen Spielräume für eine Integration zu nutzen. Seitens der Initiativen haben wir zusagen können, bei schwierigen oder sich zuspitzenden Situationen frühzeitig mit den uns meist bekannten Flüchtlingen die rechtlichen Möglichkeiten und Verfahren zu klären und vermittelnd zu beraten.

Mit unserem direkt gewählten Abgeordneten Marc Henrichmann hatten wir wieder ein Gespräch im Februar. Themen waren Arbeit, Qualifizierung, Spracherwerb, Frauen-Förderung und die Beschäftigungsduldung. Dabei waren auch die Havixbecker und Dülmener Gruppen.

Unsere Ausstellung „Der letzte Besitz“ zur Seenotrettung im Mittelmeer mit Zeugnissen Ertrunkener konnten wir von Anfang September bis Ende Oktober in der Überwasser Kirche in Münster erneut zeigen. Die Caritas Münster hat sich dabei persönlich und finanziell sehr engagiert. Zur Vernissage hat die Sopranistin Cora Schmeiser Gesänge von Hildegard von Bingen und eigene Kompositionen im großen Kirchenraum erklingen lassen. Zur Finissage hat der Psychologe Martin Kolek von Sea Watch über eigene Erfahrungen bei der Seenotrettung eindrücklich und schmerzhaft mit Fotos berichtet, auch zu einem Friedhof in Reggio Calabria als Erinnerungsort für die Ertrunkenen. Viele Menschen haben die Ausstellung gesehen, einige auch Gedanken im ausliegenden Buch eingetragen. Die Ausstellung hat vor allem bei Kirchengemeinden zu Anfragen nach weiteren Präsentationen geführt. Mit dem Fotografen Mattia Balsamini sind wir dazu im Gespräch. Wir suchen einen neuen Organisator.

Der Antrag der Grünen und unterstützt von Pro Coesfeld im Rat vom April, die Stadt Coesfeld soll sich der Initiative von 140 Kommunen anschließen, aus dem völlig überfüllten Lager Moria einige wenige Flüchtlinge aufzunehmen, ist in Hauptausschuss und Rat mehrheitlich abgelehnt worden. Ein Ergebnis wie im Jahr zuvor bei unserem Bürgerantrag zur Aufnahme von aus Seenot Geretteten. Wir hoffen, dass im neuen Rat nun mehr Verständnis für Notsituationen vorherrscht.

In der Zeit des ersten Lockdowns und jetzt im zweiten haben wir Ehrenamtliche versucht, den persönlichen Kontakt aufrecht zu halten, auch zur Ermutigung der Flüchtlinge, sich nicht ganz auf sich allein gestellt zu sehen. Die amtliche Zugänglichkeit war und ist sehr eingeschränkt. Viele Formulare und Schreiben, auch Mahnungen mit Zahlungsaufforderungen landen bei uns Ehrenamtlichen. Kein Schreiben ist in einfacher Sprache geschrieben, die Flüchtlinge verstehen könnten.

Viele Familien mit Kindern aus Unterkünften haben sich im Sommer an einem Ausflug zum Ketteler Hof in Reken beteiligt. Jetzt vor Weihnachten ist vor der Unterkunft Harle 1 eine große Krippe gebastelt und aufgestellt worden. Viele Spaziergänger am Hornebach haben sie wahrnehmen können.

Vor Weihnachten sind über 90 Geschenk-Tüten für die Kinder in  Coesfeld und Lette gepackt worden. Zusammen mit der Bürgermeisterin wurden sie dann verteilt.

Das Cafe International hat ab Februar pausiert.

Die Fahrradwerkstatt am Erlenweg war im Sommer wieder für einige Zeit bis Oktober geöffnet. Wir sind auf der Suche nach einer neuen Halle, da die Stadt Eigen-Bedarf angemeldet hat.

Unsere öffentliche Wahrnehmung ist deutlich besser geworden. Katharina Stockmann und Matthias Grimmelt haben unsere Homepage aufgefrischt und wieder interessant und aktuell gemacht. Beiträge und Anregungen sind ausdrücklich erwünscht. Auf der Homepage wollen wir auch eine Kommunikationsplattform speziell für Flüchtlinge einrichten, mit nützlichen wie aktuellen Informationen, aber auch mit Themen zum Alltag in Coesfeld. Diese Plattform wird von einer eigenen Redaktion von Flüchtlingen verschiedener Kulturen bestückt. Wegen Corona Einschränkungen verzögert sich der Start. In Planung ist auch eine Kommunikation über Facebook. Wir möchten damit ein Angebot machen, sich mit eigener Stimme zu Wort zu melden.

Dialog von Bio-Coesfeldern mit Zugewanderten möchten wir intensivieren. Zusammen mit dem Caritas Verband ist ein neuer Interreligiöser Dialog gestartet. Frau Dal-Izgi, Theologin für Christentum und Islam, hat am 17.9. mit einem Vortrag zu den Kernanliegen der beiden Religionen und zum gesellschaftlichen Auftrag den Auftakt gemacht. Die Teilnehmer waren zur Hälfte Muslime und Christen. Das ist für die Fortführung eine gute Basis für ein Miteinander Sprechen.

Im neuen Jahr möchten wir gerne darüber sprechen und in eine Suchbewegung gehen, welche Aufgaben und Chancen wir sehen, als Flüchtlingsinitiative einen Beitrag zu einer Heimat für alle hier in Coesfeld zu leisten. Da können sich auch neue Möglichkeiten, Tätigkeitsbereiche und Bündnisse auftun, und auch Chancen für die Mitarbeit von Menschen, die eine schöne Aufgabe suchen.

Wir brauchen uns gegenseitig mit Mut und Zuversicht und wünschen uns allen ein gutes neues Jahr 2021 mit schönen Überraschungen.

Anne Eismann-Lichte, Norbert Lütkenhaus, Jochen Müller und Ludger Schulte-Roling

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